Startseite | I, Kalauer Robot »

April 24, 2006

Merry Perry and the Alligators

Samstag abend war ich auf der Release Party des PERRY-Comics der Alligatorfarmkapeiken. Das PERRY-Projekt ist ziemlich aussergewöhnlich, macht es sich doch eine unbezahlte Schar von idealistischen jungen Zeichnern zur Aufgabe, Retro-Mainstream zu produzieren.
Damit sind die Alligatoren meilenweit entfernt von der weinerlichen "Mir doch egal ob jemand meine Comics versteht ich bin halt genial und mach nich son Kommerzscheiss"- Nabelschau eines beträchtlichen Teils der deutschen Comiczeichnerschaft. Aber ist PERRY der Weg in die Zukunft?

Auf jeden Fall ist das Heft grosse Klasse! Das Experiment, ohne wenn und aber an ein 70er-Phänomen anzuschliessen, ist stilistisch 100%ig geglückt. Inhaltlich bemerkt der zynische Comicprofi vielleicht ein paar mal zu oft den Drall in die Ironie, aber das läuft immer schön mit geradem Gesicht ab. Auch volle Kanne 70er ist der Coverpreis von 1,95 €, Selbstausbeutung verbrämt als Retroauthentizität, sehr hübsch.
Chefalligator Karl Nagel, nichtzeichnender Ideengeber, Peitschenschwinger und Mietezahler des Farmstudios, hat da ein Novum auf die Beine gestellt: eine learning-by-doing-Anstalt für junge deutsche Zeichner. So was gab's zu meiner Zeit nicht, ich musste noch, desillusioniert von der HfbK, im Trickfilmstudio malochen. Dafür gab's da aber Geld zu verdienen, hehe.
Frage ist halt, wie immer in Comicdeutschland, welcher Hahn nach diesem ambitionierten Experiment krähen wird, wenn überhaupt. Um mal gleich ordentlich zu unken: Dass junge Mangahirne sich auf diesen opulenten 70er-Quatsch umpolen lassen, halte ich für relativ unwahrscheinlich.
Normale Perry Rhodan-Leser, spekuliere ich mal wild, kommen hervorragend ohne Comic aus, zumal PERRY ja auch einen explizit einen von der Romanwelt getrennten Weg beschreiten will. Ausserdem lockt man die, wenn überhaupt, nur mit einer mindestens 14-tägigen Erscheinungsweise hinterm Ofen vor.
Bleiben als Zielgruppe die alten Hardcorefans. Die stellen sich allerdings in all ihren Äusserungen, sei es Leserbrief oder Forumsbeitrag, als hundserbärmlich beschränkt und 100% humorfrei heraus. Dass diese Leute PERRYs Ironie werden goutieren können, halte ich für ausgeschlossen. Na, wenigstens werden sie amüsante Leserbriefe schreiben.
Tja, und da sind wir halt am Schluss wieder bei den paar hundert Leuten in Deutschland, die sowieso jeden handkopierten Zettel, der irgendwie nach Comic aussieht, kaufen. Und die, so sehr ihr loyaler Sammeleifer auch gepriesen sei, reichen einfach nicht, um ein Comicprojekt am Leben zu halten.
Wie schon so oft zuvor in meinem kurzen süssen Leben wünsche ich aus tiefster Seele, dass ich mich irre. Und dass uns noch hunderte von PERRY-Ausgaben ins Haus stehen.


Posted by eckart at April 24, 2006 02:42 PM